
Kruzifix in der Stadtkirche Pegau, um 1480
Predigt zum Karfreitag über Jesaja 53
“Es gibt so viel Leid in der Welt. Wie kann Gott das zulassen? Wie kann er zulassen, dass Jesus gekreuzigt wurde? Ist das nicht ein Beweis dafür, dass es Gott nicht gibt oder keinen liebenden Gott geben kann?”
Sie werden solche Reden kennen. Wenn Leute sich wundern, dass Sie Christ sind und zur Kirche gehören, dann versuchen sie manchmal, mit solchen Reden zu zeigen, dass wir ihrer Meinung nach nicht ganz auf der Höhe der Zeit sind. Oder in Fernsehdiskussionen auftretende fundamentalistische Atheisten bringen auch gerne dieses Argument.
Vermutlich haben Sie sich selbst das auch schon einmal gesagt. Wenn es schwer war mit dem Leben. Eine Frau hörte ich im Schmerz einmal sagen: “Wie kann ich jetzt noch an Gott glauben, wenn er mir meinen Mann nimmt?”
Haben wir eine Vorstellung davon, wie das Leben gut und richtig zu sein hat? Ohne Sorgen, ohne Schmerzen, ohne Leid? Das ist ein alter Traum vom ewigen Frieden, von der ewigen Glückseligkeit.
Wenn ich genauer darüber nachdenke, wie das dann wäre, wenn der Traum wahr würde, jeden Tag und für immer… frage ich mich, wie das dann wäre. Wäre ein Leben ohne Leid nicht auch ein Leben ohne Leidenschaft, wäre dann nicht alles immer gleich, gleichförmig, gleichwertig und somit auch gleichgültig? Ein gleichgültiges Leben?
Ich frage mich, ob das wirklich erstrebenswert ist oder ob es außer der Verdrängung nicht eine andere Möglichkeit gibt, mit dem Leiden umzugehen?
Ich denke, ja. Es gibt diese Möglichkeit. Wenn ich dem Leiden schon nicht ausweichen kann, wenn ich in meinem Leben mit Abschieden und Trauer konfrontiert werde, wenn ich selber krank werde und alt und wahrscheinlich auch gebrechlich – dann wäre es doch töricht, wenn ich das verdrängen würde, wenn ich davon weglaufen würde, wenn ich es nicht wahrhaben würde? Der Schmerz käme doch immer wieder zu mir zurück, er ließe mich nicht mehr los.
Wer gut Leben will, sollte daher Leid, Trauer und Schmerz nicht immer verdrängen. Denn mit einer Verdrängung könnten wir ja auch nicht glücklich werden. Es gibt kein Leben ohne Leid, ohne Krankheit, ohne Schmerz, ohne Behinderung, ohne Altwerden. Es gibt keine Liebe ohne Leiden.
Und jetzt nähere ich mich dem Geheimnis des Glaubens. Und dieses Geheimnis heißt nicht: Es gibt Leid und darum kann es keinen Gott geben. Dieses Geheimnis heißt auch nicht: Wenn es Gott gäbe, dann würde er das Leid nicht zulassen. Solche Aussagen zeugen von einem sehr unreflektierten Bild von Gott, im Grunde zeigen sie das Bild eines Götzen, der dazu dienen soll, die Augen vor der Welt zu verschließen, beschwichtigt, schönredet.
Aber das ist nicht der Gott Israels, es ist nicht der Gott, den Jesus Vater nannte, es ist nicht der Gott, dem wir vertrauen.
Denn unser Gott ist ein Gott, der mitleidet. Schon im Alten Testament beim Propheten Jesaja wird deutlich, welchen Weg Gott mit dem leidenden Menschen geht. Darin liegt die Antwort verborgen, wie wir Leiden ertragen, tragen und vielleicht auch überwinden können.
Jesaja beschreibt einen Menschen, der unglaublich viel Leid tragen musste:
3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. (Jes. 53, 3-5)
Hier wird deutlich, dass Menschen immer schon nach den Ursachen des Leides gefragt haben. Woher kommt es? Von Gott, der seinen Knecht so schlägt? Weil er das Leid der Vielen trägt?
Eine endgültige Antwort darauf werden wir nicht finden. Jeder Versuch, das Leiden von Menschen zu verstehen, bleibt bruchstückhaft. Es bleibt immer etwas offen, eine Frage, ein Einwand.
Aber was wir sagen können, ist die Antwort unseres Glaubens: Leid anzunehmen, gibt uns Trost.
So ist es nicht verwunderlich, dass Christen in Jesus diesen Gottesknecht des Jesaja erkennen. Er, der mit seinem Leben und mit seinem Sterben gezeigt hat, worauf es im Leben ankommt, nämlich auf das Mitfühlen, Mitleiden und Mitkämpfen.
Nach alter kirchlicher Überzeugung ist der Tod Jesu ein Zeichen der Solidarität mit den Leidenden. Da nimmt einer etwas auf sich, um anderen zu helfen. Jesus nimmt sogar den Tod auf sich – für uns – wie es unsere Vorfahren im Glauben sagten.
Und wenn da Gott dahinter steckt, dann zeigt mir das, wie sehr Gott sich in die Welt hineinbegibt, mit allerletzter Konsequenz zeigt er, dass er auf der Seite der Leidenden steht. Das ist ein Zeichen gegen Unterdrückung, gegen Missachtung von Schwächeren. Darum geht es im Christentum: Das Leben mit allen seinen Seiten ernst zu nehmen.
Folgen wir Jesus nach und erheben wir die Stimme, wenn Menschen missachtet werden, unterdrückt, gedemütigt.
Und stehen wir uns bei – im Leid. So, wie wir uns auch gemeinsam freuen. Das aber ist eine andere Geschichte, die hören wir übermorgen.
Pfarrer Mike Bauer

21. März 2008 um 14:09 |
Sehr schön, dieser ebenso tiefe wie weite Impuls zum Thema des Tages.
Ökumenische Grüße,
Ihr
Josef Bordat
Bei Interesse an einer anderen Auseinandersetzung mit dem Kreuzestopos:
http://jobo72.wordpress.com/2008/03/19/im-zeichen-des-kreuzes-zum-verhaltnis-von-leid-und-heil/
22. März 2008 um 14:22 |
Vielen Dank. Ihren Text habe ich mit Interesse gelesen. Es lohnt wirklich, der Bedeutung des Kreuzes weiter nachzugehen.
Frohe Ostern!
Ihr
Mike Bauer