Fragen und Antworten zum christlichen Glaubensleben
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Andacht
Offene Türen – Gedanken zum Reformationstag
Man kann offene Türen finden oder Türen einrennen, mit der Tür ins Haus fallen oder durch die Hintertür kommen, einen Fuß in der Tür haben oder vor verschlossener Türe stehen …
Die Tür steht als Symbol für ge- oder misslingende Begegnung, für den Zugang zum Anderen, seinem Innersten, zum Herz. Sie steht auch für die Möglichkeit, Zugang zu Gott zu finden, ihn einzulassen oder auszuschließen.
Wie öffnet sich aber die Tür zu Gott? Sicherlich durch besondere Erlebnisse, durch Begegnungen mit Anderen oder durch die Begegnung mit Gottes Wort.
Eine solche Begegnung fand auch vor fast 500 Jahren in Wittenberg statt. Martin Luther – bereits Mönch und Priester – rang mit seinem Gott. Die “Gerechtigkeit Gottes”, von der er in der Bibel las, vergiftete seine Gottesbeziehung. Er sah vor allem den gerechten strafenden Gott, der seinen Zorn über den Sünder und den Ungerechten kommen lassen würde. Sein unruhiges sensibles Gewissen misstraute dem Zuspruch der Vergebung. Er fürchtete, dass er der Gerechtigkeit Gottes nicht gerecht würde, dass er nicht imstande sei, sich die Gnade Gottes zu erwerben.
Durch intensives Nachdenken und Ringen mit den biblischen Texten öffnete sich Luther schließlich eine Tür: ein neues Verständnis der „Gerechtigkeit Gottes“.
In Röm 1,17 las er „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“
Die Gerechtigkeit Gottes meint also nicht, dass Gott Gerechtigkeit einfordert, sondern dass er dem Glaubenden seine Gerechtigkeit schenkt, ihn ohne Verdienste gerecht macht. Wir können und wir brauchen uns die Gnade Gottes nicht zu verdienen. Sie ist uns bereits im Glauben geschenkt.
Luther schreibt später über diese neu geöffnete Tür: „Nun fühlte ich mich ganz und gar neugeboren und durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten. Da zeigte sich mir sogleich die ganze Schrift von einer anderen Seite. … Nun, mit wieviel Hass ich früher das Wort ‚Gerechtigkeit Gottes’ gehasst hatte, mit um so größerer Liebe pries ich dieses Wort als das für mich süßeste; so sehr war mir diese Paulusstelle wirklich die Pforte zum Paradies.“
Dieses neue Schrift- und Gottesverständnis war wohl die wesentlichste Grundlage für alle weiteren Entwicklungen; die wir als Reformation bezeichnen und an die uns der 31. Oktober erinnern möchte.
Lassen wir uns am Reformationstag also weniger an historische kirchenspaltende Ereignisse erinnern, als an die Öffnung einer Türe zum barmherzigen liebenden Gott, der uns ohne eigene Vorleistungen gerecht spricht.
Und heute, 500 Jahre später? Wie sie auf dem Foto sehen, steht auch für uns diese Tür offen. Jeden Sonntag lädt sie uns ein, uns von Gottes Wort an die tieferen Dimensionen unseres Lebens erinnern zu lassen. Eine offene Tür zu einem bewussteren und gestärktem Leben. … wir sehen uns. Ihr Pfr. Dr. Torsten Reiprich
Foto: Portal St. Laurentiuskirche Pegau: T. Reiprich

