Kann man denn heute noch an Gott glauben?
Christen begegnet immer wieder die Behauptung, dass Glaube und Naturwissenschaft sich gegenseitig ausschließen würden: moderne Menschen mit einem wissenschaftlichen Weltbild könnten nicht an Gott glauben, da es für die Existenz Gottes keine wissenschaftlichen Beweise gäbe. Besonders in der Zeit der DDR wurde in den Schulen diese Meinung gelehrt. Dabei unterliegen die Vertreter solcher Ansichten gleich mindestens zwei Irrtümern.
Der erste Irrtum ist ihre Vorstellung von Naturwissenschaft. Sie meinen, nur das als Realität anerkennen zu können, was messbar ist. Das Messergebnis gilt ihnen als Beweis. Dabei vernachlässigen sie, dass sich die Wissenschaft stets wandelt und zu neuen Erkenntnissen kommt, sich also auch neue Realitäten eröffnen können. Was bisher als Wirklichkeit angesehen wurde (vermutet oder auf Grundlage inzwischen überholter Methoden oder Denkmodelle geglaubt), stimmt dann nicht mehr. Zu ehrlicher wissenschaftlicher Arbeit gehört auch, die Grenzen der Wissenschaft zu erkennen und anzuerkennen.
Der zweite Irrtum besteht in der Ansicht, die Bibel wäre ein wissenschaftliches Lehrbuch. Die biblischen Schriften selbst geben das aber gar nicht vor, sondern reflektieren den Glauben in ihrem jeweiligen historischen und kulturellen Kontext. Die Wahrheit der Bibel besteht nicht darin, dass sie als Lehrbuch feststellt wie z.B. die Welt oder der Mensch entstanden sind (z.B. auch dazu überliefert sie durchaus unterschiedliche Traditionen), sondern warum und wozu. Es geht also um den Sinn menschlichen Daseins. In einem Satz gesagt: Die Wissenschaft erforscht, wie etwas ist oder entstanden ist und die Bibel sagt, wie Menschen miteinander leben können.
Naturwissenschaft und Glaube schließen sich also nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen einander. Zum Wesen Gottes gehört es, dass er nicht im wissenschaftlichen Sinne messbar ist, sondern wir Menschen sein Wirken im Glauben erfahren können. An Gott zu glauben heißt, sein Vertrauen auf Gott zu setzen, der die Liebe ist und nicht allein auf menschlichen Geist, materiellen Reichtum oder eigene Leistung. Der Glaube an Gott kann die Welt davor bewahren, allzumenschlich zu werden, d.h. der Mensch bleibt sich seiner Grenzen bewusst und kann dennoch nach dem höchsten an Liebe und Güte streben.
