Die Melanchthonbirne

„Die Melanchthonbirne zu Pegau“

Das ev.-luth. Kirchspiel Pegau pflanzte anlässlich des Melanchthonjahres 2010 berühmten Birnbaum an historischer Stelle neu.

Melanchthonbirne Pegau

Ausführlicher Bericht

Am 21. März 2010 war es soweit:
Nach knapp einhundert Jahren fand die Melanchthonbirne wieder ihren traditionellen Platz im Pegauer Pfarrgarten.

Der Pomologe Dr. Artur Steinhauser war bei seiner Suche nach den ursprünglichen Birnensorten von Ribbeck im Havelland auch auf die Sage[1] der Pegauer Melanchthonbirne gestoßen.
Er fand heraus, um welche Sorte es sich dabei gehandelt haben musste und trat mit seinem Wissen an die ev.-luth. Kirchgemeinde Pegau heran.[2]
Durch weitere Nachforschungen von Dr. Steinhauser, Tylo Peter vom Museum Pegau und mir als Pegauer Pfarrer ließen sich Details der ‚Sage‘ ermitteln, korrigieren bzw. bestätigen, sodass wir heute ein relativ klares und in sich plausibles Bild von den Vorgängen um den Birnbaum vor reichlich 450 Jahren haben.[3]

So haben bis Anfang des 20. Jh.s noch Reste der originalen[4] Melanchthonbirne im Pfarrgarten gestanden. Ihren Namen verdankt der Pegauer Birnbaum einer Begegnung Philipp Melanchthons mit dem Pfarrer Andreas Göch[5] in Jessen a.d. Elster,[6] einem passionierten Obstzüchter.[7] Wahrscheinlich kostete Melanchthon dort am 2. Dezember 1559[8] von Göchs Birnen. Melanchthon war vom Geschmack dieser Früchte offenbar so begeistert, dass er einige Exemplare auf seine Reise nach Lochau zum Kurfürst Augustmitnahm. Melanchthon kredenzte die Birnen der kurfürstlichen Gemahlin und dem Kurfürsten, der auch als großer Förderer des Obst- und Gartenbaus bekannt ist.[9] Das kürfürstliche Paar war vom Geschmack dieses Obstes ebenso angetan: Göch erhielt eine Belohnung und mindestens zwei seiner vier[10] Kinder, Andreas und Martin, durften die Fürstenschulen besuchen.[11]

Als Göch 1565 Superintendent in Pegau wurde, ließ er sich Reiser des Jessener Birnbaum nach Pegau bringen und nannte den aufgepfropften Baum im Pfarrgarten vielleicht bereits[12] voll Dankbarkeit „Melanchthon(s)birne“. Im Pegauer Superintendentenbuch legte er ausdrücklich seinen Nachfolgern ans Herz, den „Baum zu schonen und sein warten etc. um des lieben Herrn Präzeptoris [d.h. Melanchthon, TR] willen.“ Ein in Altenburg erschienener Aufsatz von Karl Back „Die Melanchthons-Birne im Superintendentengarten zu Pegau“ von 1862 will gar wissen, „dass der Kurfürst sich bewogen gefühlt habe, selbst an den Superintendenten in Pegau zu schreiben und zu verordnen, dass man diese Art Birnen im Superintendenten-Garten zu Pegau nie ausgehen lassen solle.“

Nachdem nun im 20. Jahrhundert – dieser Zeit der großen Traditionsabbrüche – auch die Melanchthonbirne aus Pegau verschwunden ist, war das Melanchthonjahr 2010 ein gelungener Anlass, Göchs Aufruf an „die Herren Successores“ wieder neu als Aufgabe zu begreifen.

Bei der Sorte handelt es sich übrigens um die „Römische Schmalzbirne“, diejenige, der Theodor Fontane in seinem Gedicht „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ bereits ein Denkmal setzte. Dr. Artur Steinhauser und  Friedrich-Carl von Ribbeck ist es gelungen, diese alte und heute nahezu ausgestorbene Sorte nachzuziehen. Im Frühjahr 2010 schenkte Herr von Ribbeck der Kirchgemeinde Pegau ein solches Bäumchen und wir konnten die Melanchthonbirne wieder an ihren alten Platz in den Pfarrgarten setzen.

Der Festakt des Kirchspiels Pegau am 21. März 2010 begann 14 Uhr mit einem Familiengottesdienst in der Pegauer St. Laurentius Kirche. Anschließend wurde die Melanchthonbirne in Anwesenheit von Herrn von Ribbeck im Pfarrgarten gepflanzt.
Es folgten Vorträge von Tylo Peter vom Museum Pegau und dem Pomologen und Wiederentdecker der Melanchthonbirne Dr. Artur Steinhauser.

Auch mit anderen Aktionen beging das Kirchspiel Pegau das Melanchthonjahr.
Neben einem Gemeindeabend zur „Pegauer Formel“[13] präsentierte sich am 3. September 2010 die Kirchgemeinde in historischen Gewändern aus der Zeit Melanchthons bzw. Göchs auf dem kommunalen Altstadtfest mit einem eigenen Stand, verkaufte Birnenkuchen, Birnenlikör und –brand und bot Führungen zur Melanchthonbirne an. Auf unserer Gemeindeausfahrt am 11. September 2010 besuchten wir Herrn von Ribbeck im Havelland und holten die kleinen Melanchthonbirnbäumchen ab, welche die Kinder im Familiengottesdienst am 21.März unter Anleitung von Dr. Steinhauser selbst gepfropft hatten.

Alle diese Aktionen führten dazu, dass Philipp Melanchthon im Bewusstsein der Pegauer Kirchgemeinde einen würdigen Platz gefunden hat.

Pfr. z.A. Dr. Torsten Reiprich
Ev.-luth. Kirchspiel Pegau
http://www.kirche-pegau.de

melanchthonbirneTrotz Gitterrost prächtig angewachsen: Die Melanchthonbirne im Pfarrgarten Pegau im August 2016


Fußnoten

[1] Ludwig Bechstein: Sagen aus deutschen Landen, Auswahl auf der Basis von 1853, Erlangen 1987, 322.
[2]
Der damalige Vakanzvertreter Pfr. Dr. Ilgner legte mir als neuen Pfarrer mit der Pfarramtsübergabe auch die Idee einer Pflanzung einer Melanchthonbirne ans Herz.
[3]
Ein großer Dank gilt auch Karl-Heinz Dubronner (Bruchsal), Petra Dorfmüller (Schulpforta) und Gisela Gaste (Jessen / Elster).
[4] Der Baum wurde durch Aufpfropfung erhalten. 1906 berichtet Pfr. Dillner, dass der Baum noch vorhanden sei, „er ist aber eine Ruine und durch sein Alter kaum mehr fähig Früchte zu tragen“. Dillner, Zur Geschichte der geistlichen Gebäude in Pegau, in: Weitere Beiträge zur Heimatkunde Pegaus, X, 1906, 6.
[5]
*1518 in Jüterbog; 1536/37 Theologiestudium in Wittenberg; 1539 Baccalaurens Artium; 1545 Magister Artium; 1547 Ordination in Wittenberg und Pfarrer in Jessen; 6. Dezember 1565 Superintendent in Pegau; 1574 Superintendent in Pirna; 1581 emeritiert; 1581 Tod in Jessen.
[6]
„Zessen“, wie es in der Sage von Bechstein steht, ist ein Schreibfehler. Jessen b. Spremberg – so das sächsische Pfarrerbuch – lässt sich nicht als Wirkungsstätte Göchs bestätigen, in der Pfarrerliste von Jessen a.d. Elster ist Göchs Amtszeit hingegen von 1547-65 vermerkt.
[7]
Im Pegauer Superintendentenbuch führt er neben einer Beschwerde über den unter seinem Vorgänger vernachlässigten Garten penibel auf, welche Bäume er gepflanzt und gezogen hat – fünf Seiten lang!
[8]
In Melanchthons Itinerar (Briefwechsel, Bd. 10: Orte A–Z und Itinerar, bearb. v. H. Scheible, 1998) lässt sich eine einzige Reise nach Lochau feststellen. Am 29.11.1559 erhält M. den Befehl von Kf. August noch am selben Tag mit Georg Cracow nach Lochau zu kommen. Diesem Befehl kommt er erst am 2.12. nach. Am 3.12. trifft er Kf. Joachim II und reist am 5.12. wieder ab. In dieser Konstellation gibt es mehrere Übereinstimmungen mit Göchs Angaben („Philippus Mel. da ehr zur Zeitt von unserm Gnedigsten Chur- vnd Landesfürsten Hern Augusto etc. gen der Lochaw gefoddret zu mir [divertirett] vnd Ich ihm der selbigen Birnen auf tragen lies, Liß ehr Im die so gefallen, das ehr der selbigen, bei einem schock zu sich [nam] vnd die dem Churfürsten / und Irer Churf: Gemalh, da der Churfürst von Brandenburg bei ihm war“ Göch, Superintendentenbuch, s.u. Anhang 2): Melanchthon reist also am 2.12.59 auf kf. Anordnung nach Lochau – ca. 36 km von Wittenberg entfernt. Direkt auf der Strecke liegt als größter Ort Jessen, ca. 9 km von Lochau entfernt, sodass eine Rast bei Göch gut vorstellbar ist. In Lochau trifft M. beide Kf. August und Joachim II. Eine Anwesenheit der kf. Gemahlin Anna ist gut vorstellbar, da sie sich in Schloss Lochau häufig aufgehalten und gewirkt hat (Medizinherstellung, Obst- und Kräuteranbau, Aquavitherstellung, Kochkunst). Die Umbenennung des Schlosses 1573 durch August in „Annaburg“ unterstützt die Verbindung des Ortes zur ‚Mutter Anna‘. Da davon auszugehen ist, dass ein weiteres Treffen M.s mit zwei Kurfürsten in Lochau Spuren in Briefen, Gutachten etc. hinterlassen hätte und somit im Itinerar zu finden sein müsste – was nun aber nicht der Fall ist, so ist es m.E. wahrscheinlich, dass während des nachweisbaren Treffens Anfang Dezember 1559 auch das ‚kurfürstliche Birnenessen’ stattgefunden haben wird. Da es jahreszeitlich außerhalb der Birnenreife liegt, wird Göch nicht nur Geschick beim Obstbau, sondern auch bei der Obstlagerung besessen haben. Laut Auskunft von Dr. Steinhauser können sich die Birnen bei entsprechender Einlagerung im kühlen, feuchten und dunklen Erdkeller durchaus bis Weihnachten halten.
[9]
August gründete Musterwirtschaften in Ostra und Gorbitz, in Ostra arbeitet er selbst mit in den Obstgärten. Bei seinen Reisen durchs Land verschenkte er an die Bauern oft Obstkerne der besten Sorten. Von seinen Landeskindern erwartete er, dass jedes neuvermählte Paar mindestens zwei Obstbäume pflanzte. Auch ließ er ein „Künstliches Obst- und Gartenbuch“ drucken.
[10]
In den Jessenschen Matric. vom Jahre 1555. hieß es von ihm [Göch], ein wohlgearteter vernünftiger junger Mann, hat vier Kinder“. Friedrich August Fissel, Pegauische Chronic, 1819, 324.
[11]
Andreas, *1549 od. 50, besuchte ab 1563 die Fürstenschule in Schulpforta. Martin, *zw. 1552 und 55, besuchte von 1567-70 die Fürstenschule in Grimma. Auskunft durch Archivarin von Schulpforta Petra Dorfmüller, eMail vom 22.10.10 an Dr. Steinhauser.
[12]
Der Name taucht im Superintendentenbuch noch nicht auf (s.u. Anlage 2), in der Sage ist der Birnenname dann mit Göch verbunden. Aufgrund von Pest fing Göch allerdings erst 1567 mit dem Obstbau an.
[13]
Melanchthon war zum sog. „Pegauer Konvent“ vom Mi., 22. bis So., 26.8.1548 selbst in Pegau und handelte die „Pegauer Formel“ aus. Am Mo., 14.10.1555 übernachtete er noch einmal in der Stadt.

***

Downloads & Links zur Melanchthonbirne:

  • Ausführliche Darstellung von Tylo Peter (Museum Pegau): Hintergründe, Forschungsgeschichte, Quelltexte: Die Melanchthonbirne zu Pegau ACHTUNG: Dateigröße 6MB
  • Weitere Informationen zur Wiederentdeckung der alten Birnensorte  >>>

Weitere Veröffentlichungen:

Peter, Tylo: Die Melanchthonbirne im Pegauer Pfarrgarten, in: Heimatblätter. Beiträge aus dem Altenburger und Bornaer Land, 13, Hg.: Heimatverein des Bornaer Landes e.V., Espenhain 2011, S. 17-28.

Weitere Suchbegriffe wären Melanchthonsbirne oder Melanchthon-Birne, Melanchthon Birne, Pfr. Göch, Andreas Göche, Melanchtonbirne, Melanchtonsbirne.

Die Birne ist auch unter anderen Namen bekannt: Weinzapfenbirne, Frauenschenkel, Cuisse Madame, Franz Madame, Jungfernbirne u.a.

Erfolge:

Auf der Grundlage unserer Rechnergen ist der Name „Melanchthonbirne“nun seit 2016 als offizielles Synonym für die „Römische Schmalzbirne“ beim Bundessortenamt eingetragen.

Eine Antwort zu Die Melanchthonbirne

  1. […] >>> ACHTUNG – die aktuellen Informationen zur Geschichte der Melanchthonbirne finden … […]

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